Produktiver durch Digitalisierung? Produktivitätsparadox und Entgrenzung von Arbeit

Ein Artikel über die Auswirkungen der Digitalisierung in Steuerberatungskanzleien

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Die Steigerung der Produktivität ist eine zentrale Hoffnung, die mit der zunehmenden Digitalisierung von Arbeitsprozessen einhergeht, die Vergrößerung der Möglichkeiten für Beschäftigte entgrenzt zu arbeiten eine weitere. Gleichzeitig gibt es eine Reihe von empirischen Evidenzen dafür, dass der steigende Einsatz von Informationstechnologie nicht zwangsläufig zu höherer Produktivität und die Freiheit zur Entgrenzung von Arbeit auch in eine Notwendigkeit umschlagen können. Literaturgestützt und anhand von Erkenntnissen, die im Rahmen des Verbundprojekts KODIMA in Steuerberatungskanzleien gewonnen wurden, untersuchten Marco Zimmer und Halina Ziehmer (beide FOM) die Auswirkungen der Digitalisierung in der Steuerberatung auf Produktivität und Entgrenzung sowie die Wechselwirkungen zwischen beiden Phänomenen.

Mit der Digitalisierung geht die Erwartung auf eine Steigerung der Produktivität einher. In Unternehmen der Dienstleistungsbranche wird die erwünschte Gleichsetzung von Digitalisierung und Produktivitätswachstum jedoch in Frage gestellt. Diese Skepsis entsteht dadurch, dass die Digitalisierung von Prozessen nahezu prototypisch auch Standardisierung bedeutet, während mit Dienstleistungen, nicht minder prototypisch, qualitativ hochwertige Beratung und Kundenorientierung in Verbindung gebracht werden – und diese orientiert sich am Einzelfall. Es ist der offensichtliche Gegensatz aus Standardisierung und Qualität bzw. Kundenorientierung, aus festgeschriebenen Abläufen und dynamischen Bedürfnissen, der die Digitalisierung in der Dienstleistungsbranche kennzeichnet und dazu führen kann, dass sich Produktivitätszuwächse nur in geringem Maße einstellen. Die Autor(inn)en des Artikels vermuten einen Grund für das aktuell bestehende schwache Produktivitätswachstum im Bereich der wirtschaftsnahen Dienstleistungen in der Wechselwirkung aus dem Produktivitätsparadox des IT-Einsatzes und der sich parallel vollziehenden Entgrenzung von Arbeit. Diese These wird am Beispiel empirischer Befunde untersucht, die aus den Untersuchungen der Steuerberatungsbranche im TVH 2 des KODIMA-Projektes hervorgegangen sind. Es wird aufgezeigt, inwiefern Faktoren wie bspw. der Digitalisierungsgrad bei den Mandanten oder die externe Kommunikation über Social-Media und Messenger-Dienste etwaige Produktivitätszuwächse durch Digitalisierung kompensieren können und welche Rolle persönliche Erwartungen dabei spielen – auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene (z.B. Always-on-Gesellschaft). Die Betrachtung betrieblicher Prozesse wird ergänzt durch die Perspektive des Individuums, das die Entgrenzung von Arbeit weniger als wählbare Option betrachtet, denn als eine zwangsläufig in Kauf zu nehmende Folge der Digitalisierung. Paradoxerweise sind es gerade die Phänomene räumlich und zeitlich entgrenzter Arbeit (z.B. Homeoffice), die aus organisationstheoretischer Sicht eine Formalisierung bzw. Strukturierung der Prozesse erforderlich machen.

Der Artikel illustriert zwei Wege der Strukturierung von Arbeitsprozessen, deren gemeinsames Merkmal eine durch die Beschäftigten zu schließende Formalisierungslücke ist. An dieser Stelle zeigt sich wieder der Gegensatz aus festgeschriebenen Abläufen und der Dynamik menschlichen Verhaltens, denn um die Formalisierungslücke zu füllen, bedarf es informeller Prozesse und Abstimmungen. Wie diese unter den Vorzeichen der Entgrenzung von Arbeit sichergestellt werden könnten und welche Ausprägungen diese Widersprüchlichkeit in den untersuchten Steuerberatungen annimmt, wird im Verlauf des Artikels beschrieben. Dazu wird unter Rückgriff auf aktuelle Zahlen aus der Steuerberatung eine Einschätzung ihres Digitalisierungsstands und der daraus erwachsenden Anforderungen an Führung und Beschäftigte vorgenommen. Infolge der Digitalisierung haben sich Formen räumlich und zeitlich entgrenzter Arbeit in den betrieblichen Realitäten der untersuchten Steuerberatungskanzleien zumindest in Teilen etabliert, sodass Veränderungen von Arbeitsprozessen und Arbeitsumfeld ebenso wie Auswirkungen dieser Veränderungen auf die subjektiv wahrgenommene Produktivität dargestellt werden können.

Der Artikel erscheint im FOM-Sammelband „Arbeitswelten der Zukunft“ und steht als Manuskript zum Download bereit.

Autorin: Halina Ziehmer M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin am ipo Institut für Personal- und Organisationsforschung

Dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekt wird im Rahmen des Programms „Zukunft der Arbeit“ (FKZ 02L15A312) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.
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